Die Weinfelder Bochselnacht
von Hermann Lei
Wenn es am
Donnerstag der letzten ganzen Woche vor Weihnachten eindunkelt, wird es
auf den. Weinfelder Strassen lebendig. Die Schulkinder ziehen mit einem
„Räbenlicht“ (einer ausgehöhlten. mit allerlei
transpa-renten Schnitzereien versehenen und von innen erleuchteten
Runkelrübe) dem Dorfzentrum zu. Auf dem Pestalozzischulplatz
formieren sich die Primarschüler zu einem Zuge, der sich dann dem
Rathausbrunnen zubewegt. Die Sekundarschüler, die sich auf dem
Marktplatz bereitgestellt haben. können sich auch an-schliessen.
Auf dem alten, zum Teil durch die Überlieferung festgelegten Weg,
zieht die Lichterschlange gassein, gassaus durch das verdunkelte Dorf
und kommt schliesslich auf dem Rathausplatz zum Stillstand. Nun singt
die ganze Schülerschar Nägelis „Freut euch des
Lebens“ und strebt darauf gen verschiedenen Schulhäusern zu,
um dort Wurst und Brot, von Schul- und Bürgergemeinde gestiftet,
in Empfang zu neh-men. (Auch die Rüben, in den letzten Jahren etwa
4000 kg, werden durch die Schule geliefert.) vor und nach dem Umzuge
wird durch die Kinder ein grosses Quantum Zigaretten und Stumpen
– von den Eltern toleriert – verraucht. Nach der
Aufführung des Bochselnachttheaters durch die Sekundarschüler
begeben sich viele Erwachsene in die Wirtshäuser des Dorfes, um
einen speziell für diesen Tag von den Bäckern hergestellten
„Böllewegge“ zu verzehren und einen Jass zu klopfen.
Anschliessend an eine Sitzung, erlaubt sich der Gros-se Gemeinderat in
einem Gasthaus einen Trunk und ein Wurstmahl. Dabei sollen immer
gescheite Reden gehalten werden.
Über
Herkunft und Bedeutung des Brauches ist man nicht genau im Bilde. Zwei
immer wieder geltend ge-macht Ansichten stimmen auf alle Fälle
nicht. Der Umzug hat nichts zu tun mit der Pest von 1629, wie der
Schreiber der „Weinfelder Chronik“ annimmt, der die
Bochselnacht von einer Bacchusnacht ableitet. Der Chronist und
vermutlich schon andere vor ihm, haben wohl ganz einfach die
Geschichte, die aus der Pestzeit von Florenz vom Jahre 1348
erzählt wird, nach Weinfelden verpflanzt. In Florenz
flüchteten damals junge Leute auf ein Landgut, um der Pest zu
entrinnen. Dort verbrachten sie die Tage mit Spiel und Tanz. Sie as-sen
und tranken, waren guter Dinge, unterhielten sich mit Gesang und
erzählten sich Geschichten. Und als Pest, Angst und Schmerz
vergessen waren, kehrten sie wieder in die Stadt zurück. –
Auch die Behauptung (weil die Kinder beschenkt werden), es handle sich
um einen christlichen Adventsbrauch, kann durch nichts bewiesen werden.
Im ganzen
Rheinlande, im Bodenseegebiet, in ganz Süddeutschland fanden und
finden an den Donnerstagen vor Weihnachten Umzüge der Jugend
statt. Um die angeblich in dieser Zeit durch die Nacht fahrenden
Dä-monen zu vertreiben, rannten lärmende, unheimliche, mit
Gesichtsmasken versehene Gestalten durch die dunklen Dörfer,
pochten an die Häuser und verlangten mit wilden Gebärden
Esswaren. Die Wörter „boch-sen, bochslen, pochen, bocheln,
bosslen, brochslen“ sind gleichbedeutend mit poltern, rumpeln,
klopfen und lärmen. Gerade wegen des wüsten Getues der Jugend
trifft man überall auf Verbote dieser Bochselnächte. Um die
fremden Herren am Basler Konzil (1431-1439) nicht zu erschrecken,
machte der dortige Ratsschrei-ber bekannt: „Als uf morn die
Bosselnacht ist, tuent unser Herren verbieten, dass niemand bosseln
soll.“ Auch aus Zürich, aus dem Badischen kennen wir
Verordnungen in Bezug auf die Bochselnacht, „dass man das
bogschlen vor Wienacht sol verbieten“. – 1553 kam in
Schaffhausen ein Bursche ins Gefängnis, „von wegen er in der
Bochselnacht ein Wösch abgelassen“. – Wir sagen
übrigens auch heute noch „pössle“, wenn wir
jemanden einen „Possen“, einen Schabernack spielen.
Die
„Bochselnacht“ und andere erwandte Bräuche erinnern an
uralte Totenbräuche, die ihren Ursprung in keltischen und
germanischen Sitten haben, die sich mit römischen Gepflogenheiten
vermischten. Es werden ja heute noch Totenschädel und Knochen in
die Wände der „Bochseltiere“ eingekerbt. Zur
Wintersonnwen-de sahen unsere Vorfahren ihren Gott Donar mit wildem
Heer auf feurigen Wagen in brausendem Sturmes-lauf durch die Lüfte
ziehen. In Erinnerung daran zieht unsere Jugend in Weinfelden (auch in
Märstetten und Ottoberg) mit fratzenhaften feurigen
„Bochseltieren“, einem Strome gleich, durch die dunklen
Gassen!