Bochselnacht 2008: Startseite

 

Die Weinfelder Bochselnacht

Wenn es am Donnerstag der letzten Woche vor Weihnachten eindunkelt, wird es auf denWeinfelder Strassen lebendig. Die Schulkinder ziehen mit einem „Räbenlicht“ dem Dorfzentrum zu. Auf dem Pestalozzischulplatz formieren sich die Primarschüler zu einem Zuge. Auf dem alten, zum Teil durch die Überlieferung festgelegten Weg, zieht die Lichterschlange gassein, gassaus durch das verdunkelte Dorf und kommt schliesslich auf dem Rathausplatz zum Stillstand. Nun singt die ganze Schülerschar Nägelis „Freut euch des Lebens“ und strebt darauf den verschiedenen Schulhäusern zu, um dort eine Brezel, von Schul- und Bürgergemeinde gestiftet, in Empfang zu nehmen. (Auch die Rüben, in den letzten Jahren etwa 4000 kg, werden an die Schule geliefert.) Vor und nach dem Umzuge wurden früher durch die Kinder ein grosses Quantum Zigaretten und Stumpen – von den Eltern toleriert – verraucht. Nach der Aufführung des Bochselnachttheaters durch die Sekundarschüler begeben sich viele Erwachsene in die Wirtshäuser des Dorfes, um einen speziell für diesen Tag von den Bäckern hergestellten „Böllewegge“ zu verzehren und einen Jass zu klopfen. Anschliessend an eine Sitzung, erlaubt sich der Grosse Gemeinderat in einem Gasthaus einen Trunk und ein Wurstmahl. Dabei sollen immer "gescheite" Reden gehalten werden.

Über Herkunft und Bedeutung des Brauches ist man nicht genau im Bilde. Zwei immer wieder geltend gemachte Ansichten stimmen auf alle Fälle nicht. Der Umzug hat nichts zu tun mit der Pest von 1629, stellt der Schreiber der „Weinfelder Chronik“ fest, der die Bochselnacht von einer Bacchusnacht ableitet. Der Chronist und vermutlich schon andere vor ihm, haben wohl ganz einfach die Geschichte, die aus der Pestzeit von Florenz vom Jahre 1348 erzählt wird, nach Weinfelden verpflanzt. In Florenz flüchteten damals junge Leute auf ein Landgut, um der Pest zu entrinnen. Dort verbrachten sie die Tage mit Spiel und Tanz. Sie assen und tranken, waren guter Dinge, unterhielten sich mit Gesang und erzählten sich Geschichten. Und als Pest, Angst und Schmerz vergessen waren, kehrten sie wieder in die Stadt zurück. – Auch die Behauptung (weil die Kinder beschenkt werden), es handle sich um einen christlichen Adventsbrauch, kann durch nichts bewiesen werden.

Im ganzen Rheinlande, im Bodenseegebiet, in ganz Süddeutschland fanden und finden an den Donnerstagen vor Weihnachten Umzüge der Jugend statt. Um die angeblich in dieser Zeit durch die Nacht fahrenden Dämonen zu vertreiben, rannten lärmende, unheimliche, mit Gesichtsmasken versehene Gestalten durch die dunklen Dörfer, pochten an die Häuser und verlangten mit wilden Gebärden Esswaren. Die Wörter „bochsen, bochslen, pochen, bocheln, bosslen, brochslen“ sind gleichbedeutend mit poltern, rumpeln, klopfen und lärmen. Gerade wegen des wüsten Getues der Jugend trifft man überall auf Verbote dieser Bochselnächte. Um die fremden Herren am Basler Konzil (1431-1439) nicht zu erschrecken, machte der dortige Ratsschreiber bekannt: „Als uf morn die Bosselnacht ist, tuent unser Herren verbieten, dass niemand bosseln soll.“ Auch aus Zürich, aus dem Badischen kennen wir Verordnungen in Bezug auf die Bochselnacht, „dass man das bogschlen vor Wienacht sol verbieten“. – 1553 kam in Schaffhausen ein Bursche ins Gefängnis, „von wegen er in der Bochselnacht ein Wösch abgelassen“. – Wir sagen übrigens auch heute noch „pössle“, wenn wir jemanden einen „Possen“, einen Schabernack spielen.

Die „Bochselnacht“ und andere verwandte Bräuche erinnern an uralte Totenbräuche, die ihren Ursprung in keltischen und germanischen Sitten haben, die sich mit römischen Gepflogenheiten vermischten. Es werden ja heute noch Totenschädel und Knochen in die Wände der „Bochseltiere“ eingekerbt. Zur Wintersonnwende sahen unsere Vorfahren ihren Gott Donar mit wildem Heer auf feurigen Wagen in brausendem Sturmeslauf durch die Lüfte ziehen. In Erinnerung daran zieht unsere Jugend in Weinfelden (auch in Märstetten und Ottoberg) mit fratzenhaften feurigen „Bochseltieren“, einem Strome gleich, durch die dunklen Gassen!