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 Die Freiheitskämpfer von Weinfelden

Unabhängigkeit im Thurgau

von Otto Brunner


Auch im Thurgau war es schon 1793 in verschiedenen Gemeinden zu Auseinandersetzungen um den kleinen Zehnten gekommen, doch erst im Januar 1798 wurden in Zürich unter dem Titel «Unmaßgebliche Vorschläge eines thurgauischen Volksfreundes zur Erlangung der bürgerlichen Frei- und Gleichheit und einer Volksregierung» umfassendere Forderungen gestellt. Wie in anderen Ostschweizer Gebieten und im Aargau war der Auslöser das Ansinnen Berns, Truppen zur Verteidigung der Waadt zu rekrutieren. Am 1. Februar fand in Weinfelden eine Landsgemeinde mit 3000 Teilnehmern statt und schon am 5. Februar brachten gewählte Abgeordnete aus allen Gemeinden deren Zustimmung zur Ausrufung der Unabhängigkeit und wählten eine provisorische Regierung. In einer Denkschrift verlangten sie die Selbstständigkeit und Gleichstellung mit den Orten der Alten Eidgenossenschaft. Am 3. März wurden Befreiung und Aufnahme des Kantons Thurgau als gleichberechtigtes Mitglied der Eidgenossenschaft von den Alten Orten formell anerkannt. Das Dorf Weinfelden, zu jener Zeit der mit Abstand grösste Ort des Kantons Thurgau, erreichte im Jahre 1798 historische Bedeutung. Im Februar jenes Jahres führte Paul Reinhart (zusammen mit seinem Komitee) den Thurgau aus jahrhundertelanger eidgenössischer Untertanenschaft (seit 1460) in eine kurze erste Freiheit. 1803 wurde der Kanton Thurgau dann durch die Mediationsakte von Kaiser Napoleon offiziell unabhängig und Frauenfeld wurde zur Hauptstadt.

1830 dann erlangte Weinfelden zum zweiten Mal überragende politische Bedeutung. Am 22. Oktober 1830 sprach der wortgewandte Thomas Bornhauser zu einer nach Tausenden zählenden Menge in Weinfelden. Er forderte - und erlangte 1831 auch - auf dem Rathausplatz (von der gleichen Treppe des Gasthauses zum Trauben wie Paul Reinhart 32 Jahre vor ihm) eine der ersten (wenn nicht DIE erste) liberale Verfassungen Europas.

Noch heute werden in Weinfelden die beiden bedeutendsten Politiker des 19. Jahrhunderts in einem Atemzug genannt: Paul Reinhart und Thomas Bornhauser. Von beiden hängen im Rathaus Weinfelden gleich ausgestattete Portraits, von beiden stehen im Rathaus gleich ausgestaltete Büsten; es gibt eine Paul-Reinhart- und eine Thomas-Bornhauser-Strasse, ein Paul-Reinhart- und ein Thomas-Bornhauser-Schulhaus, die Paul-Reinhart-Gedenktafel am Haus zum Komitee und den Thomas-Bornhauser-Brunnen auf dem Rathausplatz. Und doch haben die beiden in Wahrheit gar nichts miteinander zu tun: Als Paul Reinhart seine Rede 1798 hielt, war Thomas Bornhauser noch nicht einmal geboren (*1799) - als Thomas Bornhauser seine Rede 1830 hielt, war Paul Reinhart bereits seit mehreren Jahren verstorben (+ 1824).