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 Chinesisch- japanische Kalligraphie

 In China und in Japan hat "Shodo" (der Weg der Schreibkunst) eine sehr lange und ungebrochene Tradition von mehr als 3000 Jahren. Mit dem Pinsel und einer reichen Skala von Tuschnuancen werden Stimmungen und Gefühle ausgedrückt; die Zeichen werden zu Kunstwerken.
In China, wo die Anfänge der Schrift auf etwa 1500 vor Christus zurückreichen, wurde das Schreiben schon früh von den Kaisern als Kunstform anerkannt und besass dort schon sehr bald den ersten Rang unter den Künsten. In unserer Zeit haben sich weltbekannte Künstler wie Miro, Mark Tobey, Frank Kline, ja sogar Beyus von der fernöstlichen Kalligraphie inspirieren lassen.
Der Begriff "Shodo" lässt sich eigentlich nicht ins Deutsche (und in andere europäische Sprachen) übersetzen, weil wir im Westen nichts Vergleichbares haben. Das westliche Alphabet ist ganz anders aufgebaut; es ist rationaler, keine Symbolschrift. Den Akt des emotionalen Pinselmalens gibt es deshalb in dieser Art im Westen nicht. Wenn "Shodo" üblicherweise mit dem Ausdruck "Kalligraphie" übersetzt wird, so ist dies ein blosser Behelf.
"Shodo" ist eine Synthese von künstlerischem Ausdruck und Philosophie: Es geht dabei sowohl um die Ästhetik als auch um den geistigen Gehalt des Werks. Die Ausführung dieser Kunst wurde deshlb mit "Gelehrtheit" gleichgesetzt.

Historischer Ablauf:


Die chinesische Schrift ist eine sogenannte Symbolschrift. Ein Zeichen entspricht einem ganzen Wort. Die einfacheren Zeichen entstanden, indem der Gegenstand, den das Wort ausdrückt, zeichnerisch in abstrahierter Form dargestellt wurde.
Die chinesische Schrift ist auch die Quelle der japanischen Schrift. Japanische Buddhistenmönche, die in China studiert hatten, brachten Schrift und Schreibkunst nach Japan. China selber kann sich rühmen, auf eine Schreibkultur von 3500 Jahren zurückblicken zu können. Die ältesten erhaltenen Schriftfunde stammen aus der Yin-Zeit (16. bis 11. Jahrhundert vor Christus). Es handelt sich um eingekratzte Zeichen auf Schildkrötenschalen oder Tierknochen; sie werden deshalb Knochenschrift (Oracle Bone Script) genannt. Viele Museen auf der ganzen Welt sind glückliche Besitzer eines Originalexemplars einer beschriebenen Schildkrötenschale. Die Schrift war zu dieser Zeit schon recht standardisiert. Es ist deshalb anzunehmen, dass ihr schon eine längere Entwicklungszeit vorangegangen ist.
Nach der Knochenschrift folgten in historischer Reihenfolge die Bronzeschrift sowie die fünf klassischen Schreibstile: Siegelschrift, Kanzleischrift (Amtsschrift), Normalschrift (Standardschrift), Halbkursivschrift und Kursivschrift.
Die Bronzeschrift entwickelte sich fast gleichzeitig wie die Knochenschrift (15. bis 10. Jahrhundert v. Chr.) und war eine Weiterentwicklung derselben. Die Schriftzeichen wurden in Bronzegefässe eingegossen.
Die Siegelschrift wird heute noch von Kalligraphen sowie von Stempelmachern für Künstlerstempel aus Stein gebraucht, ferner von Bildhauern für Grabdenkmäler.
Die Kanzlei- oder Amtsschrift war während der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) offizielle Amtsschrift.
Dank dem technischen Fortschritts durch die Einführung des Pinsels (um 200 v. Chr.) und die Erfindung des Papiers in China (um 105 n. Chr.) entwickelten sich im Anschluss an die spätere Han-Zeit in rascher Folge die dre Stile der Kursivschrift, der Standard- oder Normalschrift sowie der Halbkursivschrift. Die Kursivschrift war die erste dieser drei. Sie hat vereinfachte Formen und wird sehr flüssig geschrieben. Sie ist ausserdem sehr individuell und deshalb schwer zu lesen. Heutzutage wird sie ausschliesslich von Kalligraphen benutzt. Die Normalschrift hat sich unabhängig von der Kursivschrift aus der Amtsschrift entwickelt. Sie ist noch heute die offizielle Druck- und Schulschrift. Die Halbkursivschrift wiederum ist von der Normalschrift abgeleitet und ist neben dieser die noch gebräuchlichste. Sie hat einen handschriftartigen Charakter und wird recht zügig geschrieben. Abgesehen vom Kalligraphen, der alle diese Stile beherrscht und je nach dem auch einsetzt, sind im Alltag nur noch die Normalschrift und bestenfalls die Halbkursivschrift in Gebrauch.
Buddhistenmönche brachten um ungefähr 400-500 nach Christus die Kultur der Schrift aus China nach Japan, das bis dahin noch keine Schrift gekannt hatte.



Bildung und Aufbau der Zeichen
Die chinesische Schrift ist nicht auf phonetischen Elementen aufgebaut, wie unsere Buchstaben einzelnen Lauten entsprechen. Die Grundeinheiten der Schrift sind viel mehr sinntragende Einheiten, das heisst Zeichen für ganze Wörter. Wörter bestehen im Chinesischen immer aus mehreren Lauten, die zusammen eine Silbe bilden. Schriftzeichen, die nur aus einem einzigen sinntragenden Element bestehen, bezeichnet man als primäre Schriftzeichen. Wenn die Schrift nur aus solchen Zeichen bestünde, benötigte sie allerdings eine immense Anzahl davon. Das Chinesische kennt deshalb neben den einfachen, primären Zeichen auch zusammengesetzte, sekundäre Zeichen. Im ganzen unterscheidet man wie folgt:
primäre Zeichen
echte Piktogramme
symbolische Piktogramme
sekundäre Zeichen
symbolische Zusammensetzung
phonetische Zusammensetzung

Echte Piktogramme
Echte Piktogramme sind mehr oder weniger abstrahierte Abbildungen von konkreten Gegenständen oder Lebewesen. Viele Zeichen der Knochenschrift gehören zu dieser Kategorie. Sehr wahrscheinlich bestand der Schriftschatz am Anfang nur aus echten Piktogrammen.
Um die Bedürfnisse im schriftlichen Ausdruck zu erfüllen, brauchte es aber zusätzliche Methoden.

Symbolische Piktogramme
Symbolische Piktogramme sind die Lösung auf das Bedürfnis, ungegenständliche Begriffe wie vorne, hinten, oben, unten auszudrücken. Diese Erfindung bedeutete zwar eine grosse Bereicherung des Zeichenschatzes, aber die Möglichkeiten waren immer noch recht beschränkt.

Symbolische Zusammensetzung
Bei symbolischen Zusammensetzungen werden zwei oder drei einfache Zeichen zu einem komplexen Zeichen vereinigt.

Phonetische Zusammensetzung
Die phonetische Zusammensetzung besteht aus einem sinnangebenden Bestandteil, dem Determinativ und einem Bestandteil, der annähernd die Lautung wiedergibt, dem Phonetikum. Dies brachte den Durchbruch in den Ausdrucksmöglichkeiten. Sie umfasst heute mehr als fünf Sechstel des gesamten chinesischen Zeichenvorrates. Sowohl Phonetika wie Determinative sind im Allgemeinen Elemente, die auch für sich allein, das heisst als primäre Schriftzeichen, vorkommen können.
Bei den phonetischen Zusammensetzungen profitierte man davon, dass das damalige Chinesische, aber auch das heutige, viele gleich oder zumindest sehr ähnlich lautende Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung kennt, sogenannte Homonyme.